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Mein EL84/2A3 Röhrenverstärker
(single ended - direkt gekoppelt - keine Gegenkopplung)

von Torsten Eisenberg, Liscannor, Irland


Es began alles damit, dass ich im Internet zufällig den Artikel "Die Musik"/Das neue "Haus der Harmonie" von Michael Methe las. Er sprach mir aus der Seele. Es ging mir genauso:

Meine erste Audiokette bestand aus einem einfachen Mono Plattenspieler und einem Röhrenradio, dass mir mein Vater wieder flott gemacht hatte. Damals war ich 11 oder 12 Jahre alt und ich erinnere mich genau - Es klang fantastisch!
Und ich hätte es fast vergessen!

Alles was ich mir danach an Audiogeräten und Boxen leistete, war klanglich eher ein Rückschritt. Natürlich waren die Höhen klarer und der Bass präziser und der Klirrfaktor niedriger und und und...

Die Musik war einfach nur da und klang gut. Sie sprang mich nicht mehr an, ihr fehlte die Stimme, Musikalität, Lebendigkeit und Emotion.

Nachdem ich in meiner Jugend Röhrentechnik als altmodisch abgelehnt und beruflich Transistor gelernt hatte, wollte ich der alten Röhrentechnik nochmal eine Chance geben.

Ich ersteigerte einen alten, kleinen Philips Röhrenverstärker, restaurierte ihn und baute mir ein paar Lautsprecherboxen für die ebenfalls ersteigerten hochempfindlichen Saba Breitband-lautsprecher.

Box mit neuen Green Cones

Das Experiment "Röhre und Breitbandlautsprecher" konnte beginnen.

Da war die Musik wieder - unmittelbar und lebendig! Ich war sprachlos. Endlich konnte ich mich wieder in die Musik fallenlassen.

Nun war dieser kleine Philips Verstärker noch nie HiFi und ich dachte mir: Wenn das schon so gut klingt, wie muss es dann mit einem richtig guten Röhrenverstärker klingen?

Das wollte ich sowieso schon immer mal machen: Meinen eigenen Verstärker bauen!

Zuerst dachte ich an einen Kit, also einen Bausatz mit Chassis und allem was dazu gehört, musste aber feststellen, dass ich dabei immer Kompromisse eingehen müßte. Eines aber war für mich klar: Keine Kompromisse - ich wollte freie Wahl bei Bauteilen, Schaltung und Design - also Selbstbau.

Aber wie und was?

Also habe ich für Wochen im Internet gestöbert und mir letztendlich eine Röhre ausgesucht. Eine 2A3 (eine direktgeheizte Triode aus den 30er/40er Jahren des letzten Jahrhunderts).

Foto 2A3
Und dann sah ich in einem Audioforum eine direktgekoppelte Röhrenverstärker Schaltung gezeichnet von Michael Wesemann für einen Forumsteilnehmer. Die Einfachheit dieser Schaltung hat mich tief beeindruckt. Soetwas wollte ich auch!

Ich habe Michael Wesemann dann angeschrieben und es entwickelte sich ein reger e-mail Austausch, der bis heute anhält. Wir besprachen die einzelnen Komponenten (Vorröhre, Gleichrichterröhre, Netzteil- sowie andere Kondensatoren, Widerstände, Trafo, Drosseln, Übertrager und Verkabelung), sowie die Philosophie die hinter so einem Gerät steckt.

Zwei Sätze von Michael, die mich tief beeindruckt haben will ich hier wiedergeben:

"...soviel zu meiner Bauteile-Philisophie. Das sind die Dinge die ich probiert habe und mit deren Klang ich zufrieden war. Wobei Klang an sich ja etwas Oberflächliches ist. Ich baue nicht zuletzt deshalb Röhrenverstärker, weil sie in der Lage sind ein positives Gefühl zu vermitteln. Das hat mit dem meßbaren Klangeigenschaften wenig zu tun, es geht hier mehr um innere Qualitäten. Ich finde ein guter Röhrenverstärker kann die Emotionen und die Kraft, die schöner Musik innewohnt transportieren und somit die Seele des Zuhörers berühren und seine Lebensenergie stärken....."

und

"Ein Verstärker ist ein Musikinstrument und kein Meßgerät."

Und da wusste ich, mein Verstärker wird sehr gut klingen.

Irgendwann vor Weihnachten 2005 hatte ich dann die Schaltung: EL84 (ja genau, die toll klingende Endpenthode) als Vorröhre treibt direkt eine 2A3 (direkt geheizte Triode) an, also ohne Koppelkondensator. Röhrengleichrichtung und wahlweise die EL84 als Penthode oder Triode zu betreiben. Es gibt nur 4 Bauteile im "Signalweg": Lautstärkepotentiometer, Vorröhre, Endröhre und Ausgangsübertrager und keine Gegenkopplung. Das kommt dem Klang zugute.


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Jetzt ging es an das Bauteile Sichten und Bestellen:

Netzteilkondensatoren ASC/Angela Polypropylen in Öl (USA).
Riken Ohm und Mills Widerstände (USA).
Trafo (Einzelanfertigung), Drosseln und Ausgangsübertrager habe ich von Welter in Deutschland.
Gleichrichterröhren aus USA und England.
Kathoden Folienkondensator der 2A3, Alps Poti, Lautsprecherbuchsen, Röhrenfassungen, Sicherungen und -halter, Netzschalter, Kaltgeräte Einbaustecker, Pertinax Stege, Gerätefüsse Schrauben, Muttern, Unterlagscheiben und Sternscheiben aus Deutschland.
Die 2A3 sind TJ's Full Music aus China, in Deutschland bei Jac Musik bestellt.
Die RFT EL84 habe ich ersteigert. Die klingen super.

Dann hatte ich alle Bauteile beisammen. Ich stellte die Bauteile auf einer Holzplatte zusammen und konnte jetzt das Design und die Größe festlegen.

Layout
Gleichzeitig ging es an das Designen des Chassis.
Die Chassisoberseite mit den Aussparungen für die Röhren, Kondensatoren, Trafos und die Löcher für die Kühlung der Röhren und Widerstände wurde von mir am PC entworfen und von der Firma Schaeffer AG in Deutschland in eine 4mm starke Aluminiumplatte lasergeschnitten.
Front-, Rück- und Seitenteile sind ebenfalls 4mm Alu und wurden hier in Irland besorgt und mit Aussparungen für Lautsprecherbuchsen, Eingangsbuchsen, Sicherungshalter, Netzbuchse, Lautstärkeregler und Netzschalter versehen.

Jetzt brauchte ich nur noch das Chassis bauen.
Davor hatte ich am meisten Angst, aber ich arbeite manchmal für eine Firma ganz in unserer Nähe, die stellen elektronische LED Grossdisplays für Flughäfen und U-Bahnen her. Die bauen auch ihre eigenen Alu Chassis dafür. Die Manager und Abteilungsleiter mögen mich und ich hoffte sie werden mir bei meinem Verstärker chassis helfen.
Und das taten sie dann auch.

Als die Chassisoberseite aus Deutschland ankam, hab ich gleich mal alle Bauteile reingesteckt, damit ich zum ersten Mal sehen konnte, wie mein Verstärker mal aussehen wird.

Aluplatten sind angekommen

So wird er mal aussehen
Dann habe ich auf der Unterseite alle Löcher für die Gewindestutzen aufgezeichnet und gebohrt.

Bohrlöcher aufgezeichnet
Am nächsten Tag wurden dann die Gewindestutzen in dieser Firma eingepresst, das Chassis geschweisst, geschliffen und pulverbeschichtet.
Wow, das ging flott!

Chassis lackiert
Und dann kam das Schönste:

Alle Teile einbauen, verkabeln, kontrollieren und nochmals nachprüfen und dann - mit feuchten Händen - einschalten.

Verdrahtung
Die Röhren glühen wunderschön...

Und danach war da nur noch wunderschöne Musik! Stundenlang.
So hatte ich Musik noch nie erlebt.
Leicht, flüssig, schnell, lebendig mit viel Autorität und sehr musikalisch.
Und die Stimmen, besonders Frauenstimmen - bereiten Gänsehaut!
Der Bass - präzise und kein Brummen an meinen hochempfindlichen Lautsprechern.

Mit Autorität meine ich, das der Verstärker sich die Zeit nimmt die Töne genau dann zu spielen, wenn sie gespielt werden müssen. Das klingt komisch, ich weiss, aber ich kann es nicht anders erklären, ihr müsst es einmal erleben. Sehr, sehr musikalisch klingt es halt.

2A3 Tube Glow
Neue Röhrenverstärker ändern ihren Klang deutlich in den ersten 100 bis 200 Betriebsstunden.
So auch mein Verstärker.
Alle Bauteile müssen sich zuerst einspielen.
Der Klang wird aber immer besser!!

Der Verstärker wurde zuerst mit der EL84 als Triode beschaltet betrieben und nach 6 Wochen wollte ich mal Penthodenbetrieb ausprobieren. Das klang neu und interessant. Nach weiteren 6 Wochen habe ich wieder auf Triode verkabelt und da war es wieder, was mich gleich am Anfang so fasziniert hatte. Es klang irgendwie "richtiger". Ausserdem war bei mir die Bühne bei Triode zwar nicht mehr so breit wie bei Penthodenbetrieb, dafür aber tiefer. Mir gefällt Triode besser.

Eine nochmalige Klangverbesserung nach dem Einspielen habe ich durch den Austausch der GZ37 Gleichrichterröhre gegen eine 5R4 GY erreicht. Ich hatte sowieso immer knapp 15 Volt zuviel Spannung und durch den größeren Voltagedrop der 5R4 stimmen jetzt auch noch die Spannungen und damit die Arbeitspunkte ganz genau - zusätzlich zum besseren Klang.

Was will man mehr?

Vor ein paar Wochen bekam ich dann auch meinen Lautstärkeknopf. Er wurde nach einer Zeichnung von mir von einem Bekannten in Deutschland gedreht. Er ist aus Vollaluminium und die Griffläche ist geriffelt. Damit ist der Verstärker vollständig.

Hier nochmal ein Foto der Rückseite mit den Anschlüssen:

2A3 Verstaerker
Er hat zwar mein Budget, das ich mir am Anfang (die Idee mit dem Kit/Bausatz) gesteckt hab, bei weitem gesprengt, aber heute weiss ich, dass es die richtige Entscheidung war.
Die Zeit und ich waren reif dafür.
Ich werde diesen Verstärker nie wieder hergeben.

Er ist jetzt 5 Monate in Betrieb und begeistert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich damit höre.
Ich sitze davor und staune, manchmal mit offenem Mund, grinse und wieder läuft mir ein Schauer den Rücken runter...

Schreibt mir doch einfach mal: t.eis@gmx.net

Torsten Eisenberg
Liscannor
Irland
Juli, 2006